Narahari Rao: Warum sollen andere Traditionen ‘respektiert’ werden? (conference paper) (1995)

Zusammenfassung (Text als Anhang):

Wenn von der Entwicklung fremder Kulturen oder Gesellschaften die Rede ist, werden in der institutionellen Entwicklungshilfe / Entwicklungszusammenarbeit auf theoretischer Ebene oft Entwicklungsmodelle zur Orientierung herangezogen, die der frühen soziologischen Wissenschaft entstammen und bis heute für die soziologische Theoriebildung einflussreich sind. Kernbestandteile dieser Modelle sind die bis heute einflussreiche Gegenüberstellung von Tradition versus Moderne (und verwandte Gegenüberstellungen) sowie das Konzept der Universalgeschichte. Die ursprüngliche Absicht solcher Modelle war es, historische Tendenzen und die der industriellen und kapitalistischen Gesellschaft innewohnenden Gefahren auszumachen. Sie waren nicht dafür gedacht, politische Rezepte für gesellschaftliche Veränderungen fremder Kulturen zu generieren.

Der kritische Maßstab, den wir an die Nützlichkeit jedweden Entwicklungsmodells anlegen sollten, besteht darin, ob es uns zur Analyse praktischer Situationen befähigt, um zwei Aufgaben anzugehen. Erstens die Linderung des Leidens infolge ökonomischer Benachteiligung verstehen und zweitens der Erhalt und die Weiterentwicklung des von früheren Generationen überlieferten Wissens einer Kultur. Der Grund für letzteres ist, daß diese überlieferten Erfahrungen ein wertvolles Erbe der Menschheit darstellen. (Nicht etwa gelten als Grund Überlegungen der Art, daß die Menschen aus ihnen ihren Stolz oder ihre “Identität” beziehen.)

Angesichts dieses Maßstabs bieten die Entwicklungsmodelle nicht nur keine Orientierung beim Aufbau entsprechender Institutionen, die Entwicklung fördern, sondern sie verhindern auch das Verständnis fremder Kulturen. Denn durch sie werden nicht-westliche (oder nicht-industrielle) Gesellschaften als Gegenbilder zu westlichen Gesellschaften konstruiert. Letzteres hindert uns erstens daran, die Spezifität verschiedener Milieus an verschiedenen Orten auszumachen, und verstellt zweitens den Blick für den möglichen Beitrag verschiedener Traditionen zum allgemeinen Erbe der Menschheit.

Wenn wir von solchen Bezugsrahmen ausgehen, dann gibt es keinen Grund andere Traditionen zu respektieren. Der Begriff ‘Tradition’ soll hier als ein System von Wissen verstanden werden. Wissen kann man in zwei verschiedenen Bedeutungen verstehen: a) als eine Menge von Aussagen, die als “wahr” gelten und b) wissen, wie etwas gemacht wird. Der Fokus auf ‘Wissen’ im ersteren Sinne führt zu der Frage, ob ein Glaube ‘richtig’ oder ‘wahr’ ist. Unter diesem Gesichtspunkt wird eine Tradition daraufhin geprüft werden, ob sie richtige oder wahre Glaubenssätze enthält. Ein solches Modell setzt einen Rahmen, innerhalb dessen wir zwangsläufig nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten haben: entweder bewerten wir die Traditionen als Hindernisse zum Erreichen des fortgeschrittenen Wissensstandes unserer heutigen Zeit, oder wir sehen sie nur als Vorgeschichte europäischer Glaubenssysteme an. Wenn wir dagegen Traditionen als Horte des Wissens im Sinne von Fertigkeiten sehen, dann sind sie als unterschiedliche Arten des Umgangs mit den Problemen des Lebens zu verstehen.

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